Der Mühlengraben

Vor einigen Jahren bekam ich von einer betagten Wispensteinerin einige (10 Seiten) handschriftliche Seiten, in denen Sie ihre Eindrücke vom Leben in Wispenstein und besonders  Ihr Leben am Mühlengraben festgehalten hat. Siehe Abschrift (konnte leider nicht alles entziffern). In ROT Anmerkungen des Abschreibers

                                                       
Der Mühlengraben

Romantisch war in früheren Zeiten immer ein Dorf mit einer „Mühle“. So auch Wispenstein mit seiner Getreide- und Sägemühle am Eingang des Dorfes von Föhrste kommend. Tief abgesenkt von der Hauptstrasse streckt sie ihre Dächer tief aus einem Loch ihrem Mühlengrunde. Aber um sie funktionstüchtig zu machen brauchte sie einen Teich oder einen Mühlengraben 
 
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Unser Mühlengraben war künstlich aus dem Hagental in Kaierde kommend die Wispe. Sie fließt durch Delligsen, Imsen bis vor Wispenstein. Dort „vor dem Placken“ wird die Wispe über ein Wehr geleitet und in eine künstliches Bachbett zum weiterfließen gezwungen, während die Wispe im breiteren Bett ihren Lauf vor dem Placke hinter dem Dorf und letzlich durch das Dorf zur Leine werdend.
Unser Mühlengraben ist nicht mehr, alles Zeitliche ist vergänglich. Aber ich habe meine Kindheit und Jugend mit ihm verbracht von früh bis spät, darum ist er immer noch gegenwärtig für mich. Hinter dem Placke bis zur Schule hatte er ein natürliches Bett mit unbefestigten Ufern, aus dem Blumengarten des Lehrer wuchs eine uralte knorrige Weide, die sich mit ihrem Stamm über den Bach gelegt hatte.

Ihre Zweige spielten im Wind ein harmonisches Wasserspiel. Nun wandte sich der Mühlengraben der oberen Nebenstrasse am Friedhofe zu, dort noch unbefestigt, nur die Hauseigentümer  der Wegelange, hatten das Ufer selbst befestigt . Typisch war, vor jedem Haus führten je 2-3 Stufen, die Füllestelle“ an den Bach, denn als Nutznießer war er unentbehrlich. Das begann am Montagmorgen in aller Frühe das die Hausfrauen Eimer und Wannen voll „klares Wasser“ füllten. Zum Wäsche waschen, anschließend wurde das Wasser solange es noch klar war, zum Schweine füttern und vieh tränken in Zinkeimer gefüllt. Dann wurden in einem Draht oder Weidenkorb die Schweinekartoffeln gewaschen, durch rütteln eingeweicht und schütteln gewaschen. Ein Sack wurde durch hin und herschwenken gewaschen. Feld und Gartenschuhen wurden mit einer immer in der Füllestelle parat liegenden Bürste gesäubert. Wagen, Fahrräder, alles was  Niet und Nagel los war, erlebte dieselbe Tortur. Er war einfach unentbehrlich von früh bis spät. Von Umweltschutz war damals noch keine Rede, was nicht …. War .. in die Mische konnte, das landete als Unrat im Mühlengraben, wie zerbrochene Teller, Tassen, Schalen, alte Schuhe und dergleichen, praktisch alles. Da krähte kein Hahn und Küken nach. 

(Gelegentlich wechselte der Mühlengraben auch seine Farbe in ROT und BLAU, das war wohl abhängig von der Produktion der Delligser/Kaierder Papierfabrik, aber auch die Abwasser von FCH-Eisengießerei in Delligsen und dem Glaswerk in Grünenplan landeten gelegentlich ungeklärt in der Wispe und anschließend  im weiteren Verlauf im Mühlengraben und in der Leine )

Jeden Herbst wurde das Wasser 1-2 Tage umgeleitet, das Bachbett vom Guts Knechten ausgeschaufelt, der Unrat in die leeren Kuhlen ( Sand-Lehm) gefahren und der Zyklus wiederholte sich.  ……. Im Sommer gehörte der Mühlengraben uns Kindern. Badeanstalt gab es nicht, aber wir zogen alle große Schuhe an wegen der Scherben und nahmen unsere Röcke auf und  planschten Körper und ………………..als je nach….

Aber aufgepasst die großen Jungen versuchten sich mit Bäckertrögen und selbstgemachten Rudern,  umkippen hörte daztu. Zu diesen Späßen hatten wir dann immer Gesellschaft von Kindern ohne Mühlengraben, „denn die Strasse war ja nicht gefährlich, sie war ein Schotterweg mit Kalksteinbelag. Bei Regen waren die großen Schlaglöcher mit einer milchigen Brühe angefüllt, unsere Schuhe hatten immer weiße Ränder.

Nicht immer war uns der Mühlengraben wohlgesinnt, er hatte auch seine Macken, Wollten wir Ballspielen, mußte erst die Harke her , denn der schnelle Ball landete fast immer im Wasser und schwamm hurtig davon, desgleiche der   ??…… oder das Trülrad. Dann schnell mit der Harke hinterher und versuchen das geliebte Spielzeug wieder einzufangen. Im Eifer bekam man dann leicht das Ungleichgewicht und sauste hinterher und lief Gefahr zu ertrinken, darum immer die Warnung: Geht nicht zu nah heran der Hakenmann holt euch dann.

Vor hundert Jahren ist einmal ein Kind ertrunken und dann um ca. 1925  wurde Helmut Wecke in letzter Minute vor dem Wehr gerettet.

Sprichwort : Wer nicht im Mühlengraben lag war nicht Wispensteiner.

Die Hausfrauen hatten fast alle drin gelegen, ausgerutscht, Balance verloren, oft auch beim klönen, zum Spott der Nachbarn.

Oft in der Nacht hörte meine Mutter „Hilferufe“ wenn wieder einmal ein fröhlicher Zecher den von Kramschen Weizenkorn im Gasthaus Zur Linde arg zugesprochen hatte und dabei rechter Hand linker Hand vertauschte, denn es gab ja noch keine Straßenbeleuchtung, und auf grausame Weise durch einen Sturz in das eiskalte Wasser schnell ernüchtert wurde. Die Angelegenheit war insofern gefährlich da von der sogenannten Schmiedebrücke an, die Ufer des Mühlengrabens betreffs der nur 3m breiten Straße betoniert waren und die Steilufer boten keinerlei halt bis zur nächsten Füllestelle, noch dazu wenn man das Gelichgewicht verlor, also auch für Erwachsene ein Gefährliche Situation. Diese Episoden waren auch noch Gang und Gäbe wenn Schorsche Mischer seine Späße als Gastwirt praktizierte. Bemerkt sei noch das der Mühlengraben Nachts besonders viel Wasser führte, da dann die Mühlsteine in voller Schicht arbeiteten. Ich selbst machte meine Bekanntschaft mit dem Hakenmann als ich Sonnabends die Straße fegte, mein Nachbar, der alte Konrad Kettler von Gegenüber, mir eine Wichtigkeit von „Bismarkt“ erzählte, und ich in meinem Eifer das Ufer verfehlte und samt Besen hinein stürzte. Ein andermal, meiner …….heit folgend, mich ….. auf unserem Hof in unseren Handwagen setze, die Deichsel mit den Beinen dirigierte und unsere Hausgasse hinunter auf die Straße lenkte, jedoch den Bogen nach rechts verfehlte, geradaus ins Wasser lenkte und über dem Handwagen lag. Nur das schnelle reagieren meiner Mutter hat außer Blessuren Schlimmeres verhindert.

Eine Attraktion für Fremde bot unserem Hause gegenüber „die Zugbrücke“ zum Kettlerschen Grundstück. Als Anlehnung an die Zeit der Vasallen der Raubritterleut der späteren „ Vorbürger „  Wispensteins, hatte die Familie über den Mühlengraben eine hölzerne Brücke mit Pendel gebaut, die der alte „Conrad“, ein echter preußischer Gardesoldat, gerne Sonntags den Spaziergängern und Kindern vorführte.

(Gegenüber von Marten befand sich auch die Werkstatt des Schuhmacher Sander, über eine Brücke gelangte man zu einer Holztreppe welche in den 1ten Stock führte. Die Werkstatt war teilweise über den Mühlengraben gebaut. Am Haus sieht man noch heute die Auskrakung und die Holzstützen)

Ein weiteres Original Heinrich Schmied von Soest wohnte an der Schmiedebrücke. Er hatte immer eine Hasenpfosten in der Tasche. So begrüßte er dann in seiner Neugierde alle Spaziergänger immer mit dem Slogan „  Ach entschuldigen Sie, ich kenne Sie doch. Ich kann nur nicht au Sie kommen. Verblüfft und Ahnungslos sagten ihm dann Männlein und Weiblein immer ihre Namen und was er noch so erfragte. Waren Sie fort, amüsierte er sich köstlich über über deren Dümmlichkeit.

Im weiteren Verlauf endete der Mühlengraben dann unter der Kreisstraße durch die der Mühle zum Wehr, um dann 3m tief im Auffangbecken sich zu sammeln um   in den Turbinen zu verschwinden und in Fortsetzung sich dann mit der Leine zu vereinen, nachdem sie vorher die Wispe aufgenommen hatte.

Unsere Straße hieß damals „Am Mühlengraben“, später wurde daraus die heutige Pappelstraße, weil damals vor dem Haus von Karl Segers (Hasse), früher Guts Tage Löhnerhaus,, 4 stolze Silberpappeln standen.

(Ich selbst erinnere mich noch das eines Tages der Föhrster   Pamperin am Mühlengraben erschien und mit seinem Stock in die Pappelstämme stieß um deren Standfestigkeit zu prüfen. Ergebnis war das die Pappeln gefällt wurden)

Im Winter war die Strasse „Am Mühlengraben“ auch interessant war dort in der „Kruggatze“ doch die einzigste Rodelbahn im Dorfe. Sie liegt zwischen Haus Wecke   und Schneider, früher Grotjahn und führt zum Mühlenstieg, zum heutigen Pferdehof. Ziemlich steil war die Bahn ,  mit Wasser halfen die Jungen zur Eislaufbahn nach. Die Kunst war zum Ende auf der Straße um die Ecke des Waschhauses zu lenken, wer das verfehlte und man zuviel Schwung drauf hatte, fuhr gerade aus, direkt in den Mühlengraben, leider keine Seltenheit und das bei eisiger Kälte und Lebensgefahr. Die große Schlittenbahn war dann bei dem „Hofe Gut“, in den  Weiden zum Oberg bis zum Gut. Den langen Steilhang zu wagen war wiederum nur für Fortgeschrittene.

Auf dem Grundstücke vom Schmied von Soest, heute Anelise Ulbricht wohnte (früher)  .. der „dicke Schlachter Bertram mit seinen Söhnen Hermann (Dachdeckermeister) und Walter (im Krieg) gefallen, zwei wahre Tünniels“,hatten sie dort ein Gänsezuchtpaar.

(Eine   zeitlang   befand sich auf der rechten Seite die Werkstatt des Stellmachers, an der Decke befand sich eine große Transmissionwelle von welcher breite Lederriemen herabhingen mit denen man diverse Maschine antreiben konnte.)

Dem Ganter hatten sie so präpariert das er Menschen anfiel. Jeden Morgen wenn wir Kinder zur Schule gingen, fein sauber   herausgeputzt von unseren Müttern, lagen diese beiden Rüpel auf der Lauer, ließen ihren Ganter auf uns los, feuerten ihn an, das er uns anflog, biss, hackte, unsere Haare und Zeug malträtierte, zuweil uns auch verfehlte und wir Kinder schreiend in der Schule ankamen. Alle Proteste unserer Mütter und Väter brachten nichts, Max und Mpritz setzten ihre Streiche fort. Die Eltern Bertram hatten Wohlgefallen an dem Treiben. Aber da, eines Tages war das Maß voll, denn am Friedhof im ersten Haus wohnte unser Gemeindevorsteher, Gustav Lehmensiek, Ein Hüne von Statur mit einem riesigen Schnurbart und einer donnerden Stimme, eine   Urgestalt, aber ausgesprochen Kinderlieb (keine eigenen) Soldat vom Scheitel bis zur Sohle. Er war hinter dem Kruge – oder der alten Schule – her gekommen, wartete in der Kruggatze versteckt auf dieses Spektakel. Schnell hatte er sich Hermann gepackt, zog ihm übers Knie und versohlte ihm kräftig das Hosenleder, der von ihm bestellte Schendarm Fiescher aus Alfeld tauchte mit seinem Fahrrad zu gleicher Zeit auf mit blauer Uniform und Pickelhaube und verhängte eine beträchliche Strafe wegen Ordnungswidrigkeit, da war dann Vater Bertram und Heinrich Schmied der Spaß vergangen und wir konnten wieder ohen Furcht zur Schule gehen.

Am Mühlengraben wohnte außerdem ein gefürchteter – mit Respekt begegnender  Mann. Das war der Maurer Fritz Dietz (Haus Richter) der Steuereinnehmer. Jeden ersten Sonntag im Monat empfing er die Bürger von Wispenstein in seiner Stube hinter einem riesengroßen Tisch mit einem endlos großen Journal, entweder wohlwollend – oder aber auch nicht. Steuersünder hatten nichts zu lachen. Mit gestochener Handschrift verbreitete er dann die Grund-, Wasser-, Gewerbesteuern, wozu jeder veranlagt war. Das bare Geld war knapp in Wispenstein, denn die Leute lebten vom Deputat, “anschreiben“ lassen konnte man bei ihm nicht, wie beim Bäcker Albrecht, oder der Kauffrau Minna Drücker, da wurde das Steuergeld zusammen   geborgt, wie man auch mal schnell einen Becher voll Zucker, Mehl oder Graupe borgte. In der Ehrlichkeit der Rückgabe versprochen kannte man auch seine Pappenheimer, aber Nachbarschaftshilfe ging über alles, das war Ehrensache.

Am Mühlengraben gab es auch zwei Wasserstellen, „die Pumpen“ ein war an der Kruggatze, auf dem Eigentum Grotjahn (Ilse Schneider), die andere auf dem Besitz von Marten. Diese Brunnen waren Eigentum der dazu gehörigen Hauseigentümer und wurden auch von ihnen  unterhalten  in Form von Wassergeld, das auch Mieter zahlen mußten, verwaltet von der Gemeinde. Nur die   Sponsoren waren befreit in Erbfolge. So z.B. Grotjahn (stellt) Grund und Boden, Name ??…. Wassertrog, Abdeckplatten, Treppenstufen aus Rotsandstein, von Soest –Eisenteile Ummantelung, Pumpenschwengel, Auslaufrohr, Tischler Rott (Helga) Holzmantel, Holzdeckel. Durch das Wassergeld waren die Reparaturen also gedeckt.

Weitere Pumpen waren für den Burganger auf dem Grundstück Sander, (Innerbichler) an der Seite, bei der Mühle. Die Wasserstellen im Unterdorf sind mir nicht bekannt. Ich weiß nur, das Bäcker Albrecht, (später Klingenberg) Bauer Tönnies selbst einen Brunnen hatten. Hinter dem Tagelöhnerhaus „Bracken“ stand eine Pumpe, das Föhrsterhaus hatte einen eigenen Brunnen aber alle beiden bei Hochwasser aus.

 

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